Samstagabend, ich habe mich fein mit Schweinefile bekocht, geht kurz nach dem Abendmahl gegen 21 Uhr das Telefon (Aus dem Gedächtnisprotokoll):
Anrufer: “Onkel, wie sieht’s aus, heute Specki?”
Das M: “Haben die überhaupt los? Die sollten doch dicht machen?”
Anrufer: “Ja, neh, also heute ist das letzte mal, da müssen wir doch dann hin!”
Das M: “Schonwieder der ‘letzte Abend’? Sollte doch im Januar schon sein. Ich weiss das, ich war da … und dann war nochmal der letzte Abend im Februar, ich glaub da war ich auch. Und dann habe ich auf einem Plakat was von März …”
Anrufer: “Neinnein, ist der letzte Abend heute, am Mittwoch wird das Interiör verkauft. Ist der letzte Abend. Dann müssen wir doch. Wir müssen!”
Das M: “Hmnja, ich weiss nicht, eigentlich sitze ich hier in Shorts und wollte nen Ruhigen machen. Habe auch kein Bargeld, müsste erst in die Stadt gehen und von da aus mit dem Taxi und ach, neh, irgendwie ist das doch alles …”
Anrufer: “Onkeeel!”
Das M: “Aber, aber aber ich weiss nicht, ich wollte doch lieber hier auf der Couch …”
Anrufer: “ONKEL!”
Das M: “Ich guck mal, vielleicht bis später.”
Ich guckte. Und 1 1/4 Flasche Rosé später war ich dann soweit: Flugs rasiert, Chic gemacht und losgegeht. Im lockeren “Night Fever, Night Fever … ahaaaa …“-Schritt dringe ich beschwingt-schlurfend in die Altstadt meines Heimatortes ein. In der Nähe der Wohnung meines ehenmaligen Chefs, bei einer Kirche, immerhin auf geweihten Boden (“es ist geweihter Boden, Highlander!“) begrüsst mich die erste menschliche Delegation auf meiner Odysee: Eine junge Frau hat sich würdebefreit auf das Kopfsteinpflaster in die Hocke begeben und zwischen ihren was-auch-immer-Deichmann-in-dieser-Saison-als-Trendy-befiehlt-Schühchen rinnt eine Lache ihrer Pisse zwischen den Kopfsteinen entlang, das es mich entfernt an ein Videospiel aus den 80er erinnert. Willkommen! So richtig willkommen fühle ich mich aber dann doch nicht.
Es ist mittlerweile 01:15 Uhr und ich bestücke mich mit Kopfschmuck aus Frischgeld und will in meiner Stammkneipe zwischen den Etappen Proviant (ein Getränk) aufnehmen. Aber nicht mit mir, nicht mit meiner Stammkneipe, nicht in diesem Ort. Um 01:15 Uhr hat man auf einen Samstagabend einfach keine Lust auf Kunden und die Pforten bereits zugeschlossen. “Andere Gastromonen haben auch schöne Tresen” denk ich mir achselzuckend und stelle fest das andere Gastromomen nicht so satt sind, bei Festtagsbeleuchtung abzuschliessen und nurnoch ihre Stammkunden zu bedienen und kehre woanders ein. Freundlich begrüsst, prompt bedient und den Pegel um eine Weissweinschorle gesteigert verlasse ich wieder das Lokal und mache ich mich auf zur grossen Final-Etappe. Dem Schlussakkord. Aber ich benötige eine Droschke …
Und wähle diverse Taxi-Unternehmen an. Man gibt sich weltmännisch, aber hilflos. Es seien “derzeit keine Wagen verfügbar” (Und ich bezweifele schon den Plural!). Denn im Gegensatz zu den Taxidisponenten ist mir zumindest bewusst wo ich mich befinde. Besonders amüsierte mich die automatische Ansage eines Unternehmens was mir (vermutlich nicht ganz ohne Stolz) verkündete das mein telefonisches Gesuch nichtmal angenommen werden könnte, da “alle Plätze derzeit belegt seien“. Solche Ansagen funktionieren vielleicht für die Hotline eines grossen Energieversorgers, aber nicht für Taxiunternehmen in meinem Ort. Da funktioniert ja nichtmal der Begriff Taxizentrale richtig … handelt es sich (und ich weiss das!) meist nur um umgebaute Garagen in denen dicke Frauen mit Damenbart und eingewachsenden Fussnägeln an ranzigen, alten Miettelefonen der Telekom sitzen und in ihrem 95% Leerlauf schmalzige RTL-Arztserien auf einem Fernseher mit einer Bilddiagonalen eines modernen Smartphones schauen.
Also musste ich warten, am Taxistand. Und da war ne Bank, also setzte ich mich auf die Bank. Neben mir ein Inder (oder vielleicht auch nur so eine Art Inder) mittleren Alters (oder vielleicht auch nur so einer Art mittleren Alters) trank Bier und stiess viel auf. Ich, immernoch gegen meiner derzeitigen Natur angetüddelt und in der oben beschriebenen “Night Fever, Night Fever … Ahaaa …“-Stimmung drehte eine Zigarette und bot diese dem Inder (oder eben einer Art Inder) an, er winkte ab. Und er winkte so ab das ich mir nicht sicher sein konnte ob wir linguistisch, abgesehen von Gesten, überhaupt die gleichen Sprachen sprachen. Also sitzen wir da, an diesem Taxistand, und warten was das Leben wohl noch so für uns parat habe. Ich tappe mit den Füssen eine imaginäre Melodie mit und er, nunja, trinkt von seiner Flasche Bier und stösst halt auf. Immerwieder. Um dieses leere Tappen und Aufstossen irgendwie mit Sinn oder zumindest mit Wort zu füllen, unterbrechen ich die Stoik und sage:
Das M: “”Und was verschlägt Sie mitten in der Nacht hierhin?”
Inder: “Was willschu?”
Das M: “Na, ich wollte nur Fragen wieso Sie hier sitzen um die Zeit?”
Inder: “Will ich deine Probleme wissen? Ich will deine Probleme nicht wissen!”
Das M: “Entschuldigung, ich wollte nur nett sein, da wir hier um diese Zeit zusammen auf ein Bank verharren mü …”
Inder: “Musst ihr Fragen was Probleme sind? Wieso musst ihr immer Fragen was Probleme sind? Ich frage auch nicht nach Probleme. Ich sitzen. Dann kommen du. Machen gross. Machen gross mit Handy. Wähle hier, wähle da. Wollen Taxi …”
(Anm. d. Auth.: Ich unterbreche ihn um meinen Lesern eine Information zuzuschanzen. Ich habe natürlich nicht umgangssprachlich “groß” gemacht, meine Gesprächspartner hatte sich offensichtlicherweise seid seiner Einreise in dieses Land nur nicht ausreichend mit der hier gesprochene Sprache auseinandergesetzt)
Das M: “Guter Mann, so beruhigen Sie sich doch. Ich wollte wirklich nur nett sein … was regen Sie sich denn jetzt so auf?”
Inder: “Kommen ich zu dir? Kommen ich und sagen hier … du … da? Da mit Handy? Kommen ich? Ich nicht kommen.Was du wollen? Ich sitzen hier vor dir? Jetzt du kommen … [in seinem tiradischen Schwall gönnt er sich eine bemerkenswert lange Denkpause] … unn alles anders.”
Das M: “Entschuldigung, ich lasse Sie in Ruhe, ich wollte nur nett sein …”
Inder: “Immer alle … kommen … und sagen … alle wollen, ich nicht wollen …”
Das M: “Ist doch gut jetzt? Wir lassen das mit dem Gespräch. Hören wir auf zu reden, bitte!”
Inder: “Du kommen, hier, Bank mit Handy. Was du wollen zeigen? Was du wollen von mir?”
Das M: “Hören Sie doch auf. Was ranzen Sie mich denn jetzt an? Ist doch gut jetzt! Ich wollte wirklich nur nett sein. Und hören Sie auf mich zu duzen, es wird unser Gespräch verlagern wenn ich Sie auch duze!”
Inder: “Du mich nix ansprechen … ich will deine Probleme nix wissen. Du Handy, ich sitzen … du machen hier… du machen da … Handy.”
Das M: “Willst du was aufs Maul?”
Da kommt glücklicherweise ein Taxi….
… und rein in die tosende Erlebniswelt was Ende der 60er mal als Diskothek konzipiert wurde. Schon am Eingang denke ich schmunzelnd “Das war ja eine ganz prima Idee des Anrufers, jemand der pathologisch unter Angstzuständen leidet, an einen Ort zu locken der voll von fremden Eindrücken, Menschen, Gerüchen und dem Gefühl ständig drohender Gefahr und Gewalt ist.” … Ich erkaufe mir den Eintritt und stelle mich den gelangweilten Angestellten als eloquent dar “Wirklich der letzte Abend? Versprochen?” Eine Verzehrkarte später hänge ich mein Zynismus vorerst an den Haken. Durch die Verzögerungen des Abends, allen voran natürlich den in Shorts genossenem Rosé-Weins, das lange Warten auf die Droschke war es eben auch schon halb zwei und der Anrufer nebst Entourage ist sicher (wie ich mein “Glück” kenne) 5 Minuten vor meinem Erscheinen gegangen.
Unbeachtet und ungebunden, also noch eine Verzehrkarte.
“Night Fever, night Fever … tonight we are dine in Russia!” und ich sehe mich Vodka-O bestellen als wäre ich Siebzehn! Dann geht plötzlich alles sehr schnell. Eine junge Frau mit immensen Brüsten kommt auf mich zu und findet mich in dieser Hemd-Krawatte-Hosenträger-Kombination total sexy. Sagt sie. Und sagt mir noch ein paar Dinge die ich trotz mehrmaligen Nachfragens nicht verstehe. Sie voll, alles laut. Sie fragt worauf ich stehen würde …
Das M: “Keine Frauen die vorgeben mich heiraten zu wollen, mir lustige kleine Frühstückbrettchen schenken auf denen essentiell wichtige Aussagen stehen die sie selbst nicht für sich beantworten noch erfüllen können noch wollen … Ich glaube generell noch an die grosse Liebe aber nicht in ihrem romantasierten Sinne wie es heutige Vampirfilme zu verstehen geben wollen”
Sie: “HÄH?”
Das M: “ANALVERKEHR!”
Sie: “HÄH?”
Das M: “Schon gut…”
Sie: “HÄH?”
Das M: “SCHON GUT!”
Sie: “ICH HAB NEN FREUND, STÖRT DICH DAS?”
Das M: “Ich habe Prinzipien, stört dich das?”
Sie: “HÄH?”
Das M: “HÄH?”
Sie: “HÄH?”
Das M grinst während er nach Fluchtwegen Ausschau hält. Sie fordert weiter Aufmerksamkeit …
Sie: “Grrfzbrblock? Schmarnietrat alles geben. Pruvollquequesbraklofingaritsch.” verstehe ich bevor ich mich, im Scherz, mit einem “Times News Roman, sütterlin … du doch auch comic sans” entschuldige. Sie versteht offenbahr und lächerlt mich leer aber verständnisvoll an.
Dann treffe ich eine alte Ex-Freundin und im Gegensatz zu unseren letztem Treffen ist sie heute in Geberlaune. Und gibt. Und hat Recht. Wir reden und Stunden vergehen. Auch eine Verzehrkarte. Dann muss will ich heim. Und gehe, mittlerweile 05:30 Uhr und es ist taghell. Deswegen habe ich ein schlechtes Gewissen. Wanke, aber torkel nicht heim. Das letzte mal als ich das Stück lief, lief neben ein grossartigen Griechin in fantastischen High-Heels. Diesmal lief einer vor mir her, der sich vor meinen Augen im Galopp in die Hose schiss. Ein Niessen. Rumms. The Mark is Set. Laufe noch 100 Meter hinter ihm, dann bin ich zuhause. Krawatte lösen und lonely, lazy und reichlich betrunken auf der Couch einschlafen.
Irgendwie würdelos, wie Kirchen-Kopftsteinpflaster aus der Hocke anpissen.
Das M
PS und Anm. in eig. Sache: Ich habe den Artikel zurück gezogen weil ich ihn nochmal an einigen Stellen überarbeiten wollte. Ein paar Darstellungen hatten mir nicht gefallen. Diese Überarbeitungen habe ich heute in 3-stündiger Arbeit vorgenommen … wurden aber bei Veröffentlichung von der Software wieder “vergessen”. Ich bin gerade stinksauer. Wer auch immer, ausser dem pissenden Mädchen an der Kirche, sich falsch dargestellt fühlt, soll sich bitte melden. Ich werde dem Artikel nochmal die nötigen Bearbeitungen zu Gute kommen lassen. Nur eben heute nichtmehr … heute bin ich sauer!